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Was allegro eigentlich ist

Es ist kein Spezialprogramm zum Drucken von Katalogkarten, kein Katalogisierungssystem, kein Bibliotheksverwaltungssystem. All diese Dinge, jedoch auch andere, kann man aber aus allegro machen, denn es ist ein programmierbares Datenbanksystem. Als solches hat es zunächst einmal, man könnte sagen "von Natur aus", keinerlei sofort nutzbare Fertigkeiten für die genannten Aufgaben. So wenig, wie ein Abiturient sofort Bibliothekar sein könnte. Das kann er erst nach langer, mühevoller Ausbildung, denn er bringt Allgemeinbildung und Lern- fähigkeit mit, um sich die Fertigkeiten anzueignen. Auch das Datenbanksystem allegro muß für jede neue Aufgabe erst "ausgebildet" werden; man kann ihm immer neue Fertigkeiten vermitteln, denn es besitzt grundlegende Fähigkeiten, Daten zu verwalten und komplizierte Aktionen damit auszuführen, und zwar ganz besonders mit solchen Daten, wie sie für das Bibliothekswesen typisch sind. Aber: wie jedes Programm arbeitet es rein mechanisch: es denkt nicht selbst mit, es entwickelt keine eigenen Ideen, keine Initiative oder Kreativität, es fragt nicht nach Sinn und Zweck und entdeckt von sich aus keine Probleme. Doch hat man ihm einmal ganz penibel bis ins Kleinste alles beigebracht, arbeitet es maschinenhaft präzise, schnell, unermüdlich und erlaubt sich nicht die geringste Eigenmächtigkeit.

Wie aber bringt man einem Programm etwas bei? Indem man Anweisungen in eine Datei schreibt. Die Schwierigkeit liegt darin, daß man die Anweisungen nicht in der geläufigen Alltags- oder Fachsprache hinschreiben kann, denn solche Formulierungen setzen viel zu viel Vorverständnis voraus und sind nur innerhalb von Zusammenhängen verstehbar, die dem Rechner gar nicht zugänglich sind. Nehmen wir Anweisungen wie z.B. diese:

1. "Achte darauf, daß bei der Dateneingabe der Titel und das Erscheinungsjahr nicht vergessen werden."

2. "Kontrolliere, ob bei der ISBN die Prüfziffer stimmt"

3. "Drucke eine Katalogkarte mit dem Serientitel als Kopf"

4. "Sortiere alle Titelwörter in das Register 3, mit Ausnahme der Füllwörter"

5. "Ordne die Titel alphabetisch, mit Übergehung des Artikels am Anfang"

6. "Hier sind Fremddaten im MARC-Format. Überführe sie in meine Datenbank."

Solche Befehle könnte derzeit kein Programm der Welt verstehen und ausführen - die Grenzen der "künstlichen Intelligenz" liegen immer noch weit unterhalb dieses Niveaus. Weil das so ist, mußte eine besondere Sprache entwickelt werden, in der man Handlungsanweisungen der genannten Art computergerecht formulieren kann.

Genauer: es gibt sogar drei verschiedene Sprachen für drei Aufgabenbereiche:

die Daten-Definitionssprache : damit beschreibt man, welche Datenelemente oder Kategorien es geben soll (d.h. welches Datenformat man verwenden will), welche Satztypen, und in welcher Reihenfolge die Eingabe vor sich gehen soll, welche Einzelheiten dabei zu kontrollieren sind. Diese Angaben bilden zusammen eine Konfigurationsdatei, ohne die allegro keine Datenbank aufbauen kann. (Die Beispiele 1. und 2. gehören in diesen Bereich.)

die Exportsprache : jedes Produkt, das aus den Daten entstehen soll, wird mit der Exportsprache beschrieben: die Bildschirmanzeige, Index und Kurzanzeige, Listenausdrucke, Dateiauszüge, ... Die in der Exportsprache geschriebenen Anweisungen stehen in einer Export-Parameterdatei. (Die Beispiele 3 bis 5 sind Exportaufgaben: es muß jeweils aus den erfaßten Daten irgendetwas neues gemacht werden.)

die Importsprache : wer andersartige Daten (Fremddaten) in eine allegro-Datenbank überführen will, braucht sie als Werkzeug für die Umwandlung. (Beispiel 6 ist ein Importproblem.)

Nun könnte der abschreckende Eindruck entstehen, man müsse erst drei Programmiersprachen lernen, dann einen detaillierten Entwurf für die eigene Datenbank machen und alle Einzelheiten programmieren. Das ginge entschieden zu weit. Es gibt für allegro mehrere fertige Konfigurationsdateien. Zu jeder Konfiguration gehören eine Anzahl Export-Parameterdateien für den Index und die Bildschirmanzeige, mit denen man sofort eine Datenbank anlegen kann. Weitere Parameterdateien ermöglichen das Erstellen unterschiedlicher Listen. Mit dem Steuerprogramm CockPit startet man alle Vorgänge vom Anlegen einer neuen Datenbank bis zur Produktion einer sortierten Liste, ohne von den drei Programmiersprachen irgendetwas wissen zu müssen.

Man könnte also sagen: die Entwickler haben allegro bereits eine Grundausbildung mitgegeben, mit der es in der Lage ist, Katalogkarten zu drucken, als Katalogisierungssystem zu arbeiten und gewisse Bibliotheks- Verwaltungsaufgaben zu übernehmen. Ändert man jedoch die Handlungsanweisungen (also die Parameterdateien) oder erarbeitet man ganz neue Anweisungen, so wird allegro entsprechend anders arbeiten oder ganz neue Dinge tun, an die die Entwickler gar nicht dachten.

Das Systemhandbuch beschreibt umfassend und detailliert die erwähnten Sprachen. Dadurch wird es möglich, daß versierte Anwender eigene Datenbankstrukturen entwerfen, Ausgabeprodukte und Datenumwandlungen programmieren können - daher die Bezeichnung "programmierbares Datenbanksystem".

Das aktualisierte allegro-Lehrbuch erscheint im Januar 1995 und enthält das Material der "Ouvertüre".





© Universitätsbibliothek Braunschweig, Bernhard Eversberg, 27.09.1996
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